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Depressionen: Psychiatrie? – Ich bin doch nicht verrückt!

Es gibt Lebenssituationen, da kommen viele belastende Umstände in geballter Form auf einen zu. Normalerweise kann man damit gut umgehen. Man kämpft sich da durch und ist am Ende stolz, die Krise gemeistert zu haben. Doch manchmal gelingt dies nicht. Die Umstände sind so gewaltig, dass wir darunter zusammenbrechen.

Ein anderes Szenario. Sie sind an einer Depression erkrankt, die sich ganz heimlich in Ihr Leben geschlichen hat. Fast ohne dass Sie es merken, wird jeder Tag ein bisschen schwerer. Auf der Arbeit, Familie, Freunde, alles ist immer schwerer unter einen Hut zu bekommen. Sachen, die wir früher mit Links erledigt haben, kosten plötzlich enorm viel Kraft und scheinen die letzte Energie aus einem zu saugen… Aber man macht weiter. Früher ging es ja schließlich auch!!! Bis zum totalen Zusammenbruch…

Manchmal leidet man auch unter Verlusten mehr als gewöhnlich. Dabei spielt es keine Rolle, wie groß der Verlust war oder wie lange er zurück liegt. So makaber es im ersten Moment klingt, der Verlust des Wellensittichs bei einer alten, alleinstehenden Dame, kann für diese dramatischer sein, als zum Beispiel der Verlust eines Elternteils für einen anderen.

Ich kenne zum Beispiel eine alte Dame, deren Mutter während des 2. Weltkrieges ums Leben kam. Jetzt im Alter von fast 90 Jahren, beginnt sie um die Mutter zu trauern. Mit einer Intensität, als wäre der Tod gerade erst gestern geschehen. In den Kriegswirren und den folgenden sehr schweren Jahren, war einfach keine Zeit zum Trauern. Da ging es um das nackte Überleben.

Frau mit Depression

Frau mit Depression ©iStockphoto/JochenSchoenfeld

Alle diese unterschiedlichen Ausgangssituationen laufen manchmal darauf hinaus, dass man einfach nicht mehr kann. Und damit ist kein Moment der Schwäche gemeint, sondern ein krankhafter Zustand, der länger als zwei Wochen anhält und der dem Betroffenen manchmal sogar die Kraft zum Essen nimmt. Man ist völlig am Ende…

Dann kann es passieren, dass ein Arzt Ihnen empfiehlt wegen akuter Depressionssymptome in eine Psychiatrie zu gehen. Psychiatrie – eigentlich hat das Wort schon einen extrem negativen Klang. Ist das nicht der Ort, an den sie die Verrückten bringen? Nein!!! Das ist nicht der Ort an dem die Verrückten, sondern die Kranken sind.

Eine Psychiatrie ist tatsächlich ein ganz normales Krankenhaus. Die wirklich Irren und schwer gestörten sind zwar auch in Psychiatrien untergebracht, diese ähneln aber mehr Gefängnissen und sind es auch. Niemals würde man so Jemanden in einer psychiatrischen Abteilung eines normalen Krankenhauses unterbringen!

Ich möchte Ihnen, zum besseren Verständnis, davon berichten, wie es mir damals erging. Wie viele andere auch, hatte ich mit meinen Depressionen so lange weiter gearbeitet, bis überhaupt nichts mehr ging. Ich brachte es an einem Morgen nicht mehr fertig, mir die Zähne zu putzen. Es war keine Kraft mehr da. So unglaublich das erst mal klingt…. Es war so. Zu dieser Zeit wurde ich Knall auf Fall von meiner Partnerin verlassen und ich brach völlig zusammen.

Ein Arzt sagte mir, dass es besser wäre, wenn ich eine Zeit lang in die Psychiatrie gehen würde. Meine Reaktionen schwankten zwischen: „Jetzt ist es amtlich! Du musst in die Klappse!“ bis „Was soll ich denn da?“ Ich hatte alle nur möglichen falschen Vorstellungen im Kopf.

Umso angenehmer war ich überrascht, als ich dort ankam. Alles hell und freundlich, die Türen standen offen, es gab einen Raucher- und Fernsehraum und die Patienten liefen alle in normalen Alltagsklamotten herum. Bis auf die Krankenbetten in den Zimmern und dem Alarmknopf an der Wand erinnerte nichts an ein Krankenhaus.

Trotzdem noch widerwillig, entschloss ich mich, da zu bleiben. „Der Arzt wird schon wissen was er macht…“ war mein Gedanke. Nach und nach lernte ich die anderen Patienten kennen und musste feststellen, dass es hier tatsächlich nicht einen einzigen Verrückten gab, sondern nur Menschen, die mit gewissen belastenden Umständen in ihrem Leben nicht mehr zurecht gekommen waren und die jetzt einfach eine Atempause zum Gesundwerden brauchten.

Was mir in dieser Zeit am meisten geholfen hat, waren tatsächlich die anderen Kranken. Wenn ich außerhalb der Psychiatrie Jemandem sagte, es ginge mir sehr schlecht, bekam ich immer die gleichen stereotypen Antworten zu hören. „Das wird schon wieder…“, „Kopf hoch!“ oder irgendetwas in der Art. Dabei hatte niemand von diesen Menschen auch nur die geringste Vorstellung davon, welche Hölle in mir entfesselt war. Wie auch? Ich konnte es ja selbst nicht mal erklären….

Die anderen Kranken wussten es. Oft schon, ohne dass ich etwas sagen musste. Sie sahen es mir einfach an. Der Trost und die vielen Tipps und Hilfestellungen, die ich im Raucherraum von meinen Mitpatienten bekam, waren für mich die beste Therapie. Zusätzlich gibt es, je nach Klinik, Gesprächsangebote mit Psychologen, Sozialarbeitern und Psychotherapeuten. Je nachdem, was nötig ist. Außerdem werden Sie dort auf Ihre Medikamente eingestellt.

Das allerbeste für mich an dieser Zeit war, dass ich den vielen, vielen Stressfaktoren meines Lebens nicht mehr ausgesetzt war. Die Psychiatrie war wie eine schützende Käseglocke, unter der ich seit langer Zeit mal wieder durchatmen, meine Situation in Ruhe überdenken und die nächsten Schritte planen konnte.

Sie sehen also selbst, die Psychiatrie ist kein Ort für Verrückte, sondern ein Krankenhaus wie jedes andere auch. Haben Sie keine unnötige Angst! Man kann ja auch mal ganz unverbindlich dort vorbeigehen und sich den Laden vorher mal anschauen….

Autor: André Hoek