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Mein Partner ist depressiv – Was nun?

In den letzten Monaten ist Ihr Partner immer mürrischer und nörgeliger geworden? Er hat keine Lust mehr auf gemeinsame Unternehmungen und zieht sich langsam aber sicher von Freunden, Bekannten und vielleicht auch Ihnen zurück? Der Partner ist immer müde, vernachlässigt vielleicht auch seine Körperpflege und sieht eigentlich immer irgendwie krank und gequält aus? Nach einem Termin beim Arzt stellt sich heraus, dass Ihr Lebenspartner an einer Depression erkrankt ist.

Ist er jetzt verrückt geworden und muss ich Angst vor ihm haben? Wird er in ein paar Monaten total durchdrehen und vielleicht in eine geschlossene Anstalt müssen?
Ist er jetzt irre? Alle diese Fragen können mit einem klaren Nein beantwortet werden! Nichts von alledem wird eintreten! Es ist für einen Nicht-Depressiven sehr schwer, sich in einen Depressiven hinein zu versetzen. Es gleicht wirklich der Situation, einem schon immer Blinden, Farben zu beschreiben. Das Dumme ist, dass man von Depressionen fast nichts sehen kann. Das Meiste spielt sich in dem Menschen ab, ist aber nicht weniger schlimm, als jede körperliche Erkrankung. Meist sogar noch viel schlimmer….

Mann mit Depressionen

Mann mit Depressionen ©iStockphoto/Stacey Newman

Ich versuche es Ihnen mal am Beispiel der Seele des Menschen zu erklären. Stellen Sie sich vor, die Seele wäre Ihr innerer Mensch. Alles was Sie sind, empfinden und denken. Wenn Jemand an Depressionen leidet, ist tatsächlich die Seele krank. Könnten Sie die Seele Ihres depressiven Partners sehen, glauben Sie mir, Sie würden bittere Tränen vergießen. Ich versuche das mal am Beispiel des äußeren, sichtbaren Körpers bildlich darzustellen. Stellen Sie sich vor, auf dem Rücken Ihres Partners liegt ein Sack mit Steinen. Ein wirklich schwerer Sack, der regelmäßig ein bisschen schwerer wird. Diesen Sack muss Ihr Partner vermutlich schon seit vielen Jahren tragen.

Gleich wenn er am Morgen die Augen aufschlägt, knallt dieser Sack von der Zimmerdecke auf ihn herunter. Mit dieser Last aufzustehen fällt natürlich schwer, doch Ihr Partner schafft dies schon über einen sehr langen Zeitraum. Diesen Sack kann er niemals ablegen. Oft auch nicht in der Nacht.

Obendrein drücken die Steine im Sack an allen Ecken und Kanten. Überall wo der Sack immer liegt, ist die Haut kaputt und entzündet und schmerzt ständig. Diesen Sack trägt Ihr Partner jetzt zur Arbeit. Es ist eine üble Bude! Die Aufseher treiben die Arbeiter mit Peitschen an. Jeder Schlag hinterlässt Striemen und manche Stellen fangen an zu bluten und sich chronisch zu entzünden. Mit dem Sack auf dem Rücken verrichtet er seine schwere Arbeit. Über die Jahre wurde er unter den großen Anstrengungen immer dünner und ausgemergelter. Jetzt ist er eigentlich nur noch Haut und Knochen.

Sehen Sie diesen Körper vor sich? Ständig wankend unter der schweren, schweren Last. Grün, blau und blutig geschlagen, mit tief in den Höhlen liegenden Augen und hohlen Wangen, humpelnd auf beiden Beinen und über und über von Narben und schlecht verheilten Wunden bedeckt? Dann ist es Ihnen gelungen, sich die Seele Ihres Partners vorzustellen. So sieht er aus und fühlt sich auch so. Schrecklich, nicht wahr?

Würde man von Jemanden, der körperlich so misshandelt wurde, verlangen normal seinen Alltag zu leben, Freundschaften zu pflegen, zu Arbeiten, den Rasen zu mähen, endlich mal wieder mit den Kindern zu spielen oder Abends zur Party zu gehen? Mit Sicherheit nicht! Sie würden sich liebevoll um Ihren Partner kümmern, ihm seine Wunden pflegen, ihm Ruhe verschaffen und alles dafür tun, dass es ihm bald wieder besser geht. Und genau das ist es, was Sie jetzt tun können. Nun kann man schlecht ein Pflaster auf die Seele kleben, doch Sie können eine Menge anderer Dinge tun. Wenn Ihr Partner mal wieder mürrisch oder missgelaunt ist, versuchen Sie sich das Bild der Seele in den Kopf zu holen. Er meint überhaupt nicht Sie! Es geht ihm schlecht und alle möglichen Leute und die Krankheit haben an diesem Tag das berühmte Fass bis zum Rand gefüllt. Mit letzter Kraft schafft Ihr Partner es nach Hause und dann löst irgendeine Kleinigkeit den letzten Tropfen aus und das Fass läuft in einem Zornausbruch oder Ähnlichem über. Er konnte einfach nicht mehr.

Nehmen Sie das nicht persönlich und versuchen Sie Verständnis aufzubringen, denn das ist genau das, was der Depressive jetzt braucht. Er ist wie ein kleines Baby, das schreit, weil die Windel voll ist. Nur dass sein Problem wesentlich größer ist. Statt jetzt böse Worte zurück zu geben, nehmen Sie Ihren Partner in den Arm und sagen Sie ihm ins Ohr, dass Sie ihn trotz allem lieben und immer lieben werden. Genau dieses Verhalten ist das Pflaster und die Wundsalbe auf der Seele Ihres depressiven Partners.

Er braucht Sie, Ihre Liebe und Ihr ganzen Verständnis jetzt, wie nichts anderes auf der Welt! Für Sie gibt es auch einen Trost, für Ihre sicher nicht immer einfache Situation.
Depressionen sind fast immer heilbar oder so linderbar, dass der Depressive wieder in sein altes Leben zurückkehren kann. Ein Termin beim Facharzt (unbedingt ein Psychiater!) und das Umsetzen der dort empfohlenen Therapien sind natürlich obligatorisch. Eine Depression geht fast nie von allein, doch mit der richtigen Behandlung kann schon in einem überschaubaren Zeitraum alles wieder beim alten sein. Und was meinen Sie, wie das gemeinsame Überstehen solcher großen Schwierigkeiten Sie beide zusammenschweißen wird! Ihre Ehe wird eine ganz neue und viel stabilere Basis haben. Besser als jemals zuvor. Und Sie haben sich ja mal gegenseitig versprochen: „…in guten, wie in schlechten Zeiten….“ Jetzt ist es Zeit, dieses Versprechen einzulösen. Jetzt gilt es…

Autor: André Hoek

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